Teil 11: Das duale Studium - Zwischen Hörsaal und Betrieb

15.11.2016 Im Betrieb die Praxis, an der Hochschule die Theorie: Das duale Studium steht momentan nicht nur bei den Unternehmen hoch im Kurs. Auch immer mehr Jugendliche entscheiden sich für diese Form der Ausbildung. Zurecht, wie sich im Folgenden zeigen wird.

Mit dem Schulabschluss stehen viele vor der Wahl: Ausbildung oder doch ein Studium? Für viele ist eine Ausbildung zu wenig, gleichzeitig gefällt aber auch nicht jedem die fehlende Praxisnähe bei einem Studium, die wiederum eine Ausbildung auszeichnet. Mit einem Studium sehen sich diese Personen daher nicht gut genug auf das Berufsleben vorbereitet. Aus diesem Grund bieten zahlreiche Unternehmen ein duales Studium an. Das bedeutet Praxis im Betrieb, Theorie an der Hochschule. Im Jahr 2012 verzeichnete die Datenbank Ausbildung-Plus des Bundesinstituts für Berufsbildung (BIBB) rund 64.000 duale Studienplätze für die Erstausbildung und damit 7,5 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Generell lässt sich bezüglich des Angebots eine stark steigende Tendenz beobachten: Seit 2005 nahm das Angebot an dualen Studiengängen um über 70 Prozent zu. Auch die Zahl der beteiligten Unternehmen wächst kontinuierlich. Eines dieser Unternehmen ist die Firma Mennekes Elektrotechnik GmbH & Co. KG mit Sitz in Kirchhundem. Personalreferent Stephan Herzig schätzt die derzeitige Nachfrage von Abiturienten nach Plätzen für ein duales Studium auf ,,70 bis 80 Prozent“. 

Formen des dualen Studiums

Grundsätzlich gibt es drei verschiedene Formen des dualen Studiums. Die erste Form, das berufs- oder auch ausbildungsbegleitende Studium, setzt ein Abitur voraus. Bei einem solchen Modell sind dual Studierende unter der Woche ganz normal im Unternehmen tätig. Die Lehrveranstaltungen hingegen konzentrieren sich entweder auf die Abendstunden, finden an Wochenenden oder auch als Blockseminare statt. Zu beachten ist, dass Studiengänge in dieser Form im Allgemeinen nicht mit den Inhalten der Berufstätigkeit abgestimmt sind und dass eine Kooperation zwischen Unternehmen und Hochschule nicht zwingend vorgesehen ist. Es handelt sich im Grunde um ein Selbststudium, das parallel zum regulären Arbeitsalltag verläuft. Der Selbstlernanteil liegt bei bis zu 70%.

Das ausbildungsintegrierte Studium stellt das klassische Modell des dualen Studiums dar. Ausbildungsintegrierte Studiengänge verbinden ein Hochschulstudium mit einer Ausbildung. Dementsprechend gibt es sowohl Theorie- als auch Praxisblöcke, die zumeist jeweils eine Dauer von drei Monaten aufweisen. Die Inhalte von Ausbildung und Studium sind eng miteinander verzahnt. Das ist sinnvoll, da im Rahmen eines ausbildungsintegrierten Studiums sowohl ein Abschluss im entsprechenden Ausbildungsberuf als auch der Abschluss der beteiligten Hochschule erlangt wird. Durch die Verzahnung wird sichergestellt, dass die Qualifikationsvoraussetzungen beider Abschlüsse erworben werden.

Die dritte Form des dualen Studiums ist das praxisintegrierte Studium, teilweise auch als kooperatives Modell bezeichnet. Dieser Ausbildungsweg verbindet ein Bachelor-Studium mit integrierten Praxisphasen. Das Studium wird dabei in Vollzeit durchgeführt, während die Praxisanteile in den Semesterferien liegen. Schwierigkeiten sieht allerdings Herzig in diesem Modell, da ,,Prüfungen mittlerweile häufig in die Ferien gelegt werden, anstatt in Blöcke ans Ende des Semesters“.

Studienorte in der Region

Die Fachhochschule Südwestfalen bietet das sogenannte Verbundstudium an, das größtenteils dem bereits beschriebenen ausbildungs- bzw. berufsbegleitenden Studium entspricht. Mittlerweile wird das Studium an allen Standorten angeboten, also in Hagen, Iserlohn, Lüdenscheid, Meschede und Soest. Unter anderem können dort die Studiengänge Maschinenbau und Elektrotechnik studiert werden.

Ebenso können an der Universität Siegen die Studiengänge Maschinenbau, Elektrotechnik, Wirtschaftsinformatik und Bauingenieurwesen in Form eines dualen Studiums absolviert werden. Bauingenieurwesen wird dabei als ausbildungsbegleitender Studiengang angeboten, man kann also sowohl einen Berufsabschluss als auch den Bachelor erwerben. Die anderen angebotenen Studiengänge sind jeweils praxisintegriert.

Die Hochschule für Oekonomie und Management (FOM) in Siegen bietet seit 2001 duale Studiengänge an. Studiengänge, die dort studiert werden können, sind unter anderem International Management und Wirtschaftsinformatik. Die FOM in Siegen bietet dabei ein ausbildungsbegleitendes Studienkonzept an: in der Woche Ausbildung, freitags abends und samstags finden Vorlesungen und Seminare statt. Das Studium kann auch weitergeführt oder begonnen werden, wenn die Ausbildung bereits abgeschlossen wurde.

Ein duales Studium ist auch an der Fachhochschule der Wirtschaft (FHDW) in Bergisch Gladbach möglich. Dort konzentriert man sich jeoch eher auf BWL.

Vorteile des dualen Studiums

Worin liegen die Vorteile eines dualen Studiums im Vergleich zur Ausbildung und dem normalen Studium? Warum sollten sich Schüler, Studieninteressierte bzw. Studierende, aber auch Unternehmen mit diesem Thema auseinandersetzen?

Zunächst einmal vereint ein duales Studium die Vorteile einer beruflichen Ausbildung und eines Studiums. Die Verknüpfung von Theorie und Praxis ermöglicht ein schnelleres und verbessertes Verständnis beider Felder. In der Theorie wird vertiefendes Wissen vermittelt, das direkt in der Praxis angewandt werden kann. Die enge Verzahnung zwischen den Modulen führt zudem dazu, dass bereits abgeleistete Inhalte im Normalfall nicht noch einmal absolviert werden müssen. Hat man sich also in der Praxis mit einem Thema auseinandergesetzt, muss man die entsprechende Veranstaltung an der Hochschule nicht zwingend besuchen. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass dual Studierende neben einem Studienabschluss auch einen Abschluss in einem anerkannten Ausbildungsberuf erwerben können. Das gilt für das ausbildungsintegrierte duale Studium. Die verkürzte Gesamtausbildungsdauer ermöglicht zudem einen frühzeitigen Einstieg in das Berufsleben. Bereits nach sechs Semestern besteht die Möglichkeit, beide Abschlüsse zu erwerben, was eine Ersparnis von ca. drei Jahren bedeuten kann.

Auch der finanzielle Aspekt spielt eine Rolle. Die monatliche Ausbildungsvergütung bietet Studierenden Unabhängigkeit und finanzielle Sicherheit. Man verdient von Anfang an sein eigenes Geld, das in der Regel auch während des gesamten Studiums gezahlt wird. So besteht die Möglichkeit, das Studium selbst zu finanzieren. Die Kosten für ein duales Studium sind nicht gerade gering, zwischen 12.000 und 15.000 Euro muss man beispielsweise an der FOM bezahlen. Allerdings wird die Finanzierung des Studiums in vielen Fällen wenigstens teilweise vom Ausbildungsbetrieb übernommen.

Ein weiterer Vorteil des dualen Studiums sind die hervorragenden beruflichen Aussichten. Zunächst sind die Übernahmechancen sehr groß, denn Betriebe leisten selbst auch hohe Investitionen in die Ausbildung dual Studierender und kennen sie und ihre Stärken bereits ganz genau. Aus diesem Grund besteht gesteigertes Interesse an einer Übernahme des Absolventen. Wer seine berufliche Karriere im Betrieb fortsetzt, hat anschließend gute Chancen, in höhere Positionen aufzusteigen. Aber auch für den Fall, dass es zu keiner Übernahme kommt, stehen die Chancen auf dem Arbeitsmarkt sehr gut. Große Berufserfahrung, Stressresistenz und ein gutes Selbstmanagement sind Eigenschaften, die Arbeitgeber an Absolventen dualer Studiengänge schätzen.

Vorteile für Unternehmen

Ein großer Vorteil des dualen Studiums für Unternehmen ist die Möglichkeit, hochqualifizierte Kräfte bereits früh an sich zu binden. ,,Viele Studierende aus der Region planen mit einem Studium außerhalb Südwestfalens und kehren anschließend eher selten zurück“, weiß Stephan Herzig zu berichten. Mit einem dualen Studium können Unternehmen guten Abiturienten eine Perspektive bieten und so unter Umständen auch nach dem Abschluss des Studiums im Unternehmen und in der Region halten.

Auch die Qualität der Studierenden spielt natürlich eine große Rolle. Duale Studiengänge ermöglichen sowohl eine wissenschaftsbezogene als auch praxisnahe Ausbildung, die zudem an den Erfordernissen des Unternehmens ausgerichtet ist. Der Technologie- und Wissenstransfer ermöglicht es den Studierenden, die akademischen Inhalte auch direkt im Unternehmen einzubringen. Dual Studierende sind vor allem aus diesem Grund als „Arbeiter, Praktiker und Theoretiker in einem“, wie sie Stephan Herzig bezeichnet, sehr gefragt. Aber nicht nur ihre Qualifikationen, sondern auch Eigenschaften wie ein hohes Maß an Belastbarkeit, Motivation und Selbstorganisation machen dual Studierende sehr wertvoll.

Positiv für Unternehmen ist auch der im Normalfall enge Kontakt zu den Bildungsinstitutionen. Dieser erleichtert die weitere Kooperation, beispielsweise auf dem Feld der angewandten Forschung, des Technologie- und Wissenstransfers oder der Weiterbildung. Auch sonst können Unternehmen Einfluss bei der Erarbeitung und der Umsetzung von Studien- und Prüfungsplänen nehmen, Anregungen für die weitere Entwicklung des Studiengangs geben oder sogar unternehmensspezifische Studienzüge anregen.

Das Unternehmen Mennekes in Kirchhundem beispielsweise bietet bereits seit 2005 das duale Studium an und zeigt sich aufgrund der Vielzahl an Vorteilen auch heute noch offen gegenüber diesem Ausbildungsweg. Besonders die Möglichkeit der Bindung guter Abiturienten in der Region wird als großer Vorteil betrachtet. Im Unternehmen ist jedoch zunächst die menschliche Komponente ein wichtiger Faktor, die Bewerber sollen mit der Zeit auch ,,zwischenmenschlich gebunden“ werden, erklärt Stephan Herzig. Deshalb kommt man den Bewerbern bei wichtigen Entscheidungen wie dem Studienort entgegen, zumindest, solange es realisierbar ist. Das Unternehmen bietet derzeit jährlich drei Studienplätze an, im Schnitt ist einer von diesen als ausbildungsbegleitendes Studium ausgelegt. Einen weiteren Ausbau will Herzig nicht ausschließen, allerdings „nicht zum Selbstzweck oder aus Werbezwecken.“

Duales Studium – ja oder nein?

Ist ein duales Studium nun allen anderen Ausbildungsformen vorzuziehen? So pauschal kann man das nicht sagen. Den vielen Vorteilen, die sich im Berufsleben ergeben können, stehen einige Nachteile gegenüber, die bei der Entscheidung auf keinen Fall außen vor bleiben sollten. Auch wenn es duales „Studium“ heißt – das häufig gepriesene Studentenleben mit Freizeit und Partys werden duale Studierende nicht sehr oft erleben. Ein duales Studium ist extrem zeitaufwändig. Arbeit im Unternehmen und Veranstaltungen an der Hochschule wechseln sich ab, dazu kommen noch Prüfungen, die bestanden werden müssen. Nur mit der Bereitschaft, auch mal auf Freizeit zu verzichten, großem Durchhaltevermögen und guter Selbstorganisation ist ein duales Studium zu bewerkstelligen. Der Theorieteil an der Hochschule bietet auch nur wenige Freiheiten bei der Auswahl der Veranstaltungen, stattdessen ist der Ablauf stark verschult.

Nicht zu vergessen, auch die große Konkurrenz: Die Nachfrage nach Studienplätzen steigt immer weiter an, Unternehmen entscheiden sich deshalb meistens auch nur für die besten Bewerber.

Ein duales Studium sollte eher eine Option für diejenigen sein, die sich darüber im Klaren sind, was auf sie zukommt und ob sie die geeigneten Eigenschaften mitbringen, um eine solche zeitintensive Ausbildung zu schaffen. Dem pflichtet auch Stephan Herzig bei. Keiner solle ,,dazu gedrängt werden, ein duales Studium zu beginnen, wenn er nicht dafür geeignet ist.“


Teil 10: Die Suche nach dem Job sinnvoll strukturieren
Teil 9: Die Motivation ist entscheidend
Teil 8: Gut vernetzt für die berufliche Karriere
Teil 7: Die Initiativbewerbung - Aktivität zeigen
Teil 6: Die Angst vor dem Vorstellungsgespräch besiegen
Teil 5: Das Bewerbungsgespräch - Die letzte Etappe
Teil 4: Die Anlagen - Qualität statt Quantität
Teil 3: Das Bewerbungsfoto - Bilder machen Leute
Teil 2: Der Lebenslauf - Mehr als nur eine Datensammlung
Teil 1: Tipps für ein ansprechendes Bewerbungsanschreiben

Foto: © Robert Kneschke / Fotolia




Alle Bewerbungstipps