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Handwerkskammer zur Unternehmensnachfolge: „Der Kreis Olpe steht gut da“

Neue Chefs gesucht: Rund 30.000 Handwerksbetriebe in Nordrhein-Westfalen müssen innerhalb der nächsten fünf Jahre einen neuen Leiter finden. Etwa 4000 Betrieben droht vor diesem Hintergrund die Schließung, weil sich die Suche nach Nachfolgern für die Unternehmensführung schwierig darstellt. Das geht aus einer aktuellen Statistik der NRW-Handwerkskammern hervor. Wie die Situation im Kreis Olpe aussieht und welche Herausforderungen die Übernahme eines Betriebes allgemein mit sich bringt, erklärt Uwe Hackler im Interview. Der gelernte Maler und Diplom-Kaufmann (58) ist als betriebswirtschaftlicher Berater der Handwerkskammer Südwestfalen für den Kreis Olpe zuständig – und Experte für Unternehmensnachfolgen und Existenzgründungen.

Die Zahlen für NRW liegen vor. Wie stellt sich die Nachfolgesituation ganz konkret im Kreis Olpe dar?

Im Kreis Olpe werden die Übergaben überwiegend, in mehr als 50 Prozent der Fälle, noch in der Familie geregelt. Und: Die Leute, die hier nachwachsen, sind durchweg gut. Findet sich in der Familie kein Nachfolger, sind es verstärkt Mitarbeiter, die den Betrieb weiterführen. Klappt auch das nicht, geht es über fremde Dritte, was dann schwieriger, aber nicht unmöglich ist. Und man darf nicht vergessen, dass Firmen zwar auslaufen können, aber auch neue gegründet werden. Generell lässt sich aber sagen, dass der Kreis Olpe im Handwerk in vielen Dingen gut da steht.

Wie sieht es hier bezogen auf das Handwerk denn mit der Altersstruktur der Firmenchefs aus?

Wie auch in anderen Bereichen nimmt die Zahl der Älteren zu, ist aber andererseits schwer zu sagen, weil viele Handwerker oft deutlich länger arbeiten und eben nicht mit 65 aufhören und in Rente gehen. Nicht aus finanziellen Gründen, sondern weil sie Spaß an ihrem Beruf haben und mit ihrem Beruf besonders verbunden sind. Aus diesem Grund nehme ich eine solche Zahl auch gar nicht mehr mit in meine Vorträge über Nachfolgen.

„Übergabe schwierig für beide Seiten"

Was die Übergabe eines Betriebs an einen Nachfolger sicherlich auch nicht einfacher macht…

Jede Übergabe ist auch mental schwierig für beide Seiten. Einer gibt etwas auf, das ihm vielleicht alles bedeutet, während der andere noch vor der Übernahme weiß, was er alles ändern will. Zwischen diesen beiden Positionen können Welten liegen. Es kann aber auch sein, dass jemand seinen Betrieb schlichtweg überhaupt nicht verkaufen oder weiterführen lassen möchte. Oder dass sich jemand erst spät mit der Frage der Nachfolgeregelung befasst und/oder keine Lösung findet, die ihm gefällt. Wir als Handwerkskammer helfen in solchen Situationen bei der Betriebsübergabe dem bisherigen Inhaber und bei der Betriebsnachfolge dem Nachfolger natürlich weiter.

Perspektivwechsel: Was können denn Gründe dafür sein, dass sich niemand findet, der eine Firma weiterführt?

Mögliche Nachfolger aus dem Familienkreis haben vielleicht studiert, sind in anderen Jobs und wollen dann nicht ins Handwerk gehen. Das ist durch unsere Verbundenheit zum Kreis Olpe aber nicht so extrem wie in Großstädten oder studentisch geprägten Städten. Ein weiterer Aspekt kann sein, dass jemand das Familienleben in den Vordergrund stellen möchte und eben nicht den zeitaufwändigen und verantwortungsvollen Job als Chef eines Betriebes wählt. Im Kreis Olpe ist das allerdings weniger der Fall. Wer den elterlichen Betrieb übernimmt oder übernehmen soll, weiß hier ganz genau, was auf ihn zukommt, und macht das dann auch. Das zeigt sich auch bei vielen Beratungen.

Vor welchen Herausforderungen steht jemand, der eine Firma übernimmt?

Neben dem zeitlichen Aspekt und der Verantwortung gegenüber sich, der Gesellschaft und den Mitarbeitern ist das auch eine Frage des Geldes und des Risikos. Einen kleineren Malerbetrieb kann ich vielleicht kaufen; bei einem Betrieb mit 20 Angestellten oder mehr sind das Risiko des Scheiterns und der hohe Kapitaleinsatz ein großes Hindernis für einen fremden Betriebsnachfolger im Handwerk. Es ist immer auch eine Frage, in welcher Branche ich einen Betrieb übernehmen will und ob es sich um ein übergabefähiges Objekt handelt, also zukunftsfähig ist mit Blick auf Lage, Kundschaft, Ausrüstung und Dienstleistung.

Stichwort Dokumentationspflicht: Wie abschreckend wirkt der bürokratische Aufwand? Inwiefern könnte die Politik hier gefordert sein?

Man kann sagen, dass die Betriebe mit Bürokratie überlastet sind, mit Auflagen und Formalitäten. Das gilt besonders für Kleinbetriebe. Die Frage ist, wo man das ändert, denn es ist ja nicht allein die Politik zuständig. Es geht ja auch um Fragen wie Haftungsrecht und Arbeitsschutz. Gefühlt hat man da mehr Pflichten als Rechte.

Konsequenzen der Akademisierung

Weil so viele junge Leute sich statt für eine Ausbildung für ein Hochstudium entscheiden, ist von der Akademisierung der Gesellschaft die Rede. Kritiker sprechen auch vom „Akademisierungswahn“. Ein angemessener Begriff?


Um es so zu sagen: Wenn die Gesellschaft die Bildung so fordert und fördert, ist es eine Folge, dass es weniger Handwerker werden. Dann wird es so kommen, dass die Preise den steigenden Kosten angepasst werden und man auch mal 14 Tage oder länger warten muss, bis ein Handwerker für den Kunden Zeit hat. Dass ist die Konsequenz aus der Akademisierung, die wir zu tragen haben. Dies wird sich aber wieder normalisieren. Aber auch hier gilt, dass das in jeder Branche anders ist. Im Baugewerbe und im Gesundheitshandwerk gibt es weniger Personal und damit längere Wartezeiten. Bei Nahrungsmitteln ist es so, dass der Verdrängungswettbewerb der Großen zunimmt und kleinere Betriebe wie etwa Metzger spätestens bei der Nachfolgeregelung unter Druck geraten. Im Metallbereich dagegen läuft es personell noch normal.

Braucht das Handwerk einen Imagewechsel? Gibt es Überlegungen und Initiativen, um für mehr Nachwuchs und neue Chefs im Handwerk zu sorgen?

Sogar sehr viele. Natürlich sind wir uns des Sachverhalts bewusst. Über Ausbildungsberatungen und Ausbildungsplatzvermittlungen und Schulbesuche arbeiten wir zusammen mit den Betrieben ganz gezielt, Schüler und Studenten für das Handwerk zu werben. Die Handwerkskammer steckt da sehr viel Arbeit rein. Die Imagekampagne und die Öffentlichkeitsarbeit ist ein Beispiel dafür, und der Handwerksmeister genießt in unserer Gesellschaft im Allgemeinen einen sehr guten Ruf. Alles in allem lohnt es sich heute mehr denn je, seinem Kind eine handwerkliche Ausbildung anzuraten.

Ein Artikel von Sven Prillwitz, LokalPlus


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