Frank Schmidt von der Agentur für Arbeit im Interview, Teil 1
Frank Schmidt von der Agentur für Arbeit im Interview, Teil 1

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Frank Schmidt von der Agentur für Arbeit im Interview, Teil 1

Seit vier Monaten ist Frank Schmidt Vorsitzender der Geschäftsführung der Agentur für Arbeit Siegen. Im großen zweiteiligen Interview mit karriere-suedwestfalen.de spricht Frank Schmidt über seinen neuen Aufgabenbereich und den Arbeitsmarkt in Südwestfalen mit seinen Herausforderungen und Chancen. Im ersten Teil des Interviews geht es um den steigenden Fachkräftebedarf, die Integration von Flüchtlingen, den Mindestlohn und befristete Arbeitsverhältnisse.

Herr Schmidt, was machen Sie anders als Ihre Vorgängerin Bettina Wolf?

Frau Dr. Wolf war hier im Bezirk lange Jahre aktiv, war sehr stark vernetzt und hat auch zahlreiche Ehrenämter gehabt. Da muss ich jetzt erst mal reinkommen und muss erst mal schauen, wie die Dinge hier funktionieren.

Ich setze in der Führung meiner Agentur sehr auf die Einbeziehung der Menschen, für die wir arbeiten – sprich für unsere Arbeitnehmer- und Arbeitgeberkunden, sowie für Träger und Kammern, für Arbeitgeberverbände und Gewerkschaften. Da setze ich meine Akzente. Wie Frau Dr. Wolf diese Akzente gesetzt hat, kann ich im Einzelnen nicht sagen, aber das ist mein klarer Weg, der uns als Agentur definitiv weiterbringt.

Wie hat sich der Arbeitsmarkt im Bezirk der Agentur für Arbeit Siegen aus Ihrer Sicht in den vergangenen fünf Jahren entwickelt?

Die Arbeitslosenquote ist sehr statisch, da gibt es keine großen Aufs und Abs. Es gab mal eine Krise 2008 bis 2010. Danach hat sich der Arbeitsmarkt hier sehr gut entwickelt. Was wir natürlich feststellen müssen, ist, dass es immer größere Probleme gibt, freie Stellen zu besetzen, also immer größere Bedarfe an Fachkräften und an Auszubildenden.

Wir hatten im letzten Monat fast 3.700 freie Stellen im Bestand im Bezirk der Agentur für Arbeit Siegen. Das ist ein historischer Höchststand. Den hatten wir noch nie! Und wir beobachten, dass wir gerade im Azubibereich den Trend haben, dass sich die Bewerber mittlerweile die Stellen aussuchen können, bzw. die Arbeitgeber einige Stellen nicht besetzen können. Auch das ist eine Entwicklung, die wir so noch nicht hatten.

Diese Entwicklungen der letzten fünf Jahre werden sich jetzt noch mal verschärfen. Die Stellenbestände wachsen kontinuierlich, weil Südwestfalen bzw. der Agenturbezirk Siegen eine ganz starke Region ist.

Und wie sieht Ihre Prognose aus? Stichworte demografischer Wandel, Landflucht und Fachkräftebedarf?

Der Bedarf an Fachkräften wird stark steigen! Die Demographie wird uns einige Arbeitnehmerpotentiale in den nächsten Jahren nehmen, vor allem wenn man die Dinge bis 2025 bzw. 2030 betrachtet. Einher geht das Ganze mit einer zunehmenden Digitalisierung, mit Substitutionsbedarfen und Möglichkeiten, die wir aktuell auch in einer Präsentation zusammengefügt haben, die zeigt, dass es den Bereich Südwestfalen und gerade die Agentur Siegen spürbar treffen wird.

Immer mehr Ausbildungsstellen bleiben unbesetzt. Müssen sich die Betriebe Sorgen machen? Welche Sparten sind davon besonders betroffen und warum?

Manche Betriebe müssen sich auf jeden Fall Sorgen machen. Und das machen sie auch schon. Es ist nicht so, dass es sich um ein Zukunftsproblem handelt. Bereits in diesem Ausbildungsjahr werden wir eine dreistellige Zahl von gemeldeten Ausbildungsstellen nicht besetzen können.

Dies sind vor allem Stellen im Bereich des Lebensmittelhandwerks, also Fleischer- und Bäckerberufe, aber auch im Hotel- und Gaststättengewerbe gibt es Probleme. Die Industrie spürt das in der Form noch nicht so heftig. Das Handwerk ist da aktuell eher betroffen.

Ihre Vorgängerin hat die „stille Reserve“ – fachlich qualifizierte Frauen, die sich zunächst auf die Familie konzentrieren – in einem Interview vor zwei Jahren als „riesengroße Chance“ für unsere Region bezeichnet. Sie schätzte die Anzahl auf 5000. Welche Bedeutung hat diese Reserve heute, zwei Jahre später?

Diese Reserve hat immer noch eine hohe Bedeutung. Wir haben ein eigenes Projekt, das sich „Dritte Karriere“ nennt. Das sind zwei Arbeitsvermittlerinnen, die Berufsrückkehrerinnen – sowohl Akademikerinnen als auch viele andere Fachkräfte – betreuen, die aus einer Familienphase kommen.

Es gibt definitiv Potential in der Region, welches wir im Moment versuchen, mit diesem Projekt zu heben. Es ist natürlich nicht so einfach, denn oft hängen da auch etwa Betreuungsaufgaben für Kinder dran. Wir qualifizieren diese Frauen zielgerichtet, damit sie wieder einen Berufseinstieg finden und versuchen individuelle Lösungen zu finden.

Aber auch mit diesem Potential werden wir die Fachkräftelücke definitiv nicht alleine schließen können.

Wie läuft es mit der Integration von Flüchtlingen und Zuwanderern in den Arbeitsmarkt? Was läuft gut, was könnte besser laufen? Welche Erfahrungen hat die Agentur für Arbeit gemacht, welche Erfahrungen haben die Betriebe gemacht?

Was aktuell gut läuft, ist die Arbeit mit unseren Partnern in der Region, also mit Kammern, mit Arbeitgeberverbänden, mit Gewerkschaften sowie mit den Kommunen im Bezirk. Die meisten dieser zugewanderten Kunden werden intensiv von beiden rechtskreisen im Integration Point betreut.

Wichtig ist, dass wir diese Themen individuell betrachten, also dass wir nicht von dem Personenkreis DER Flüchtlinge und DER Migranten reden, sondern, dass wir über Einzelfälle reden, weil viele Schicksale wirklich sehr unterschiedlich sind.

Da müssen wir gemeinsam individuelle Lösungen finden und wir müssen diese Menschen vernünftig vorbereiten und qualifizieren – der Integration Point hat diverse Maßnahmen im Angebot, die wir den Menschen bieten. Ganz wichtig aber ist die Sprache. Wenn wir die Leute auf unser Bildungssystem vorbereiten, dann müssen sie irgendwann mit Beginn einer Ausbildung auch die Berufsschule besuchen und da brauchen sie ein gewisses Sprachniveau, sonst wird das nicht funktionieren. Aber auch für unsere beruflichen Qualifizierungen ist ein gewisses Sprachniveau Voraussetzung.

Mir ist aber auch ganz wichtig, dass wir nicht qualifizieren um des Qualifizierens Willen, sondern dass es auf jeden Fall den Work First-Ansatz gibt: Wenn wir eine Beschäftigung finden und jemand ist bereit und in der Lage, eine Beschäftigung aufzunehmen, dann soll er oder sie das tun und wir qualifizieren dann während einer Beschäftigung oder einer Ausbildung.

Dieser Ansatz ist mir lieber, als jemanden jahrelang trocken zu qualifizieren und keine Bezüge an den Arbeitsmarkt oder Ausbildungsmarkt herzustellen.

Also, das Themenfeld Flüchtlinge, Migration, Zuwanderung ist ein ganz Kompliziertes und auch da können wir nicht erwarten, dass wir auf kurze Sicht die Fachkräftebedarfe, die wir in der Region haben, über diesen Personenkreis decken können. Das wird nicht funktionieren.

Und wenn ein Unternehmen gerne Flüchtlinge beschäftigen und im weiteren Verlauf vielleicht sogar ausbilden möchte, an wen können sich die Unternehmen wenden?

Wenn es um Arbeit und Ausbildung geht, dann ist die Agentur bzw. das jeweilige Jobcenter der erste Ansprechpartner. Wir haben über den Integration Point auch die Verbindung zu den Kommunen und können dann natürlich auch vorab klären, ob jemand arbeiten darf und wie weit das Anerkennungsverfahren ist.

Die Arbeitgeber müssen sich einfach darüber im Klaren sein, dass die Beschäftigung eines geflüchteten Menschen mit ganz viel Aufwand und Kümmern verbunden ist. Das unterschätzen manche. Aber den ersten Weg dahin, den können wir zeigen und den werden wir auch zeigen.

Thema Mindestlohn: Wie fällt Ihr Fazit zweieinhalb Jahre nach dessen Einführung aus?

Dazu kann ich nach der kurzen Zeit hier in Siegen noch keine vernünftigen Aussagen treffen. In meiner vorherigen Agentur in Koblenz-Mayen haben wir uns angeschaut, ob der Mindestlohn Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt hat und konnten da keine direkten Auswirkungen feststellen. Das ist einfach so.

Zusammen mit den Informationen, die wir vom Markt erhalten, war da keine signifikante Änderung feststellbar. Aber auf den Agenturbezirk Siegen bezogen, kann ich jetzt im Moment noch nichts dazu sagen.

Wer als arbeitslos gilt, ist eine Frage der Definition. Ein-Euro-Jobber und Teilnehmer an Fortbildungen etwa fallen aus der Statistik heraus. Wer krankgeschrieben ist, wird ebenfalls herausgerechnet, weil er dem Arbeitsmarkt zeitweise nicht zur Verfügung steht. Wie aussagekräftig bzw. ehrlich sind die Statistiken?

Die Statistiken, die wir veröffentlichen, sind sehr ehrlich! Man muss dabei einfach bedenken, dass wir die Statistiken nicht nach eigenem Gutdünken machen, sondern, dass es ganz klare gesetzliche Vorgaben gibt, wie wir Zahlen auswerten und entsprechend veröffentlichen müssen.

In der Arbeitslosenquote sind diese Personen nicht drin, das ist so geregelt. Aber wir weisen immer die Unterbeschäftigungsquoten in unserem Arbeitsmarktbericht mit aus. Das sind öffentliche Zahlen. Und da sind genau die Personen auch benannt, die zum erweiterten Arbeitslosenkreis gehören.

Angesichts der vielen befristeten Arbeitsverhältnisse heutzutage: Stellen Sie eine Verunsicherung bei Arbeitnehmern fest, weil diese ihre Karriere und ihr Privatleben nicht mehr langfristig planen können?

Ja, das ist so. Da muss man auch ehrlich bleiben. Diese Verunsicherung ist da, weil wirklich viele Arbeitgeber ihre Bedarfe über Personaldienstleister bzw. über befristete Verträge decken – aber nicht nur hier im Agenturbezirk Siegen.

Ich kenne das auch in meinem Privatleben, auch meine Söhne haben in Ihrer Beschäftigung nur befristete Verträge erhalten - da ist natürlich keine vernünftige Dauerperspektive – also Lebens- und Familienplanung – möglich.

Aufgrund der aktuellen Arbeitsmarktlage sollten sich viele Arbeitgeber dringend überlegen, jemand Gutes nach einer Testphase zu behalten und nicht die zwei Jahre Befristung erst auszuschöpfen.


Zum 2. Teil des Interviews geht´s hier entlang.


04.07.2017